Zur Geschichte der meteorologischen Forschung an der Universität Leipzig

Die Geschichte der meteorologischen Forschung in Leipzig läßt sich fast 5 Jahrhunderte zurückverfolgen. 1507 wurde hier Virgil Wellendarffers Decalogium gedruckt, das häufig als erstes Lehrbuch der Meteorologie bezeichnet wird. Aus dem 17. und 18. Jahrhundert liegen mehrere, meist aber nur über kurze Zeiträume durchgeführte meteorologische Beobachtungen vor. So hat z.B. der bekannte "Bauernastronom" Christoph Arnold in Sommerfeld bei Leipzig von 1688 bis 1695 Wetteraufzeichnungen vorgenommen. Der Mechaniker Jacob Leupold (1674-1727) entwickelte Regenmesser sowie andere meteorologische Meßgeräte und schrieb Anweisungen zu deren Gebrauch.


Von einem namentlich nicht bekannten Leipziger wurden von 1759 bis 1794 instrumentelle Wetterbeobachtungen vorgenommen

Brandes' Wetterkarte von 1826

Eine Vielzahl bedeutender Leistungen auf dem Gebiet der Meteorologie sind im 19. Jahrhundert zu registrieren. Als 1826 der Mathematiker, Physiker und Astronom Heinrich Wilhelm Brandes (1777-1834) einem Ruf auf den Lehrstuhl für Physik an der Universität Leipzig folgte, legte er zum Amtsantritt eine lateinisch geschriebene Dissertation vor, welche die ersten synoptischen Wetterkarten enthielt.

Wichtige Erkenntnisse wurden auch auf dem Gebiet der Paläoklimatologie gewonnen. Carl Friedrich Naumann (1797-1873), seit 1842 Inhaber des Lehrstuhls für Mineralogie und Geognosie an der Universität Leipzig, fand im Frühjahr 1844 in den Hohburger Bergen unweit von Leipzig Gletscherschliffe und -schrammen. Damit wurde die bis dahin nur vermutete frühere Inlandvereisung des mitteleuropäischen Raumes eindeutig belegt.


Carl Friedrich Naumann

Gletscherschrammen am Fuße des Spielbergs bei Collmen-Bölitz in der Nähe von Leipzig

Besonders nachhaltig wirkte Carl Christian Bruhns (1830-1881), der 1860 als Professor für Astronomie nach Leipzig berufen wurde und sofort mit der Errichtung der neuen Universitätssternwarte in der heutigen Stephanstraße 3 begann. Bruhns ist die Organisation und Leitung des sächsischen meteorologischen Beobachtungsnetzes (Beginn Dezember 1863) und die Einrichtung eines Büros für Wetterprognosen (1878) in der Leipziger Innenstadt zu verdanken. Hervorzuheben ist vor allem sein Anteil an der Gründung der Internationalen Meteorologischen Organisation (IMO), der Vorläufergesellschaft der World Meteorological Organization. Die Gründungsversammlung der IMO fand 1873 in Wien statt. Die Vorbereitung hierzu trafen Bruhns, Heinrich von Wild und Carl Jelinek ein Jahr zuvor am Rande der 45. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Leipzig.


Carl Christian Bruhns

Das "Meteorologische Bureau für Wetterprognosen" in der Leipziger Innenstadt (im 2. Weltkrieg zerstört)

Die Entwicklung der Luftfahrt um 1900 veranlassten den Physiker Otto Wiener und den Astronomen Heinrich Bruns (Nachfolger von Carl Christian Bruhns), sich energisch für die Schaffung eines geophysikalischen Instituts an der Universität Leipzig einzusetzen. Von Anfang an dachte man bei der Besetzung des Lehrstuhls für Geophysik - neben dem später durch die Kontinentalverschiebungstheorie bekannt gewordenen Alfred Wegener - an den Norweger Vilhelm Bjerknes (1862-1951), "als der Hervorragendste der ganzen Welt auf dem Gebiete der dynamischen Meteorologie". Geradezu prophetisch meinte Wiener in seinem Gutachten: "An die richtige Stelle gesetzt, würde er eine neue Epoche der Meteorologie herbeiführen".


Vilhelm Bjerknes

Titelblatt der von Bjerknes
begründeten Institutszeitschrift

Die Gründung des Geophysikalischen Instituts erfolgte am 1. Januar 1913 und war damit das erste Institut für Physik der Atmosphäre in Deutschland. Zum gleichen Zeitpunkt nahm Bjerknes seine Tätigkeit an der Leipziger Universität auf. "Bei der Begründung des Instituts steuerte ich gegen die Lösung eines einzigen Problems, des Problems von der Wettervorhersage", sagt Bjerknes später rückblickend. Gegenüber der früher üblichen statistischen Arbeitsweise wollte er die gestellte Aufgabe mit Hilfe der theoretischen Thermo- und Hydrodynamik lösen.


Die Nürnberger Straße 57 (Hintergebäude) war erstes Domizil des Geophysikalischen Instituts.

1917 zog das Geophysikalische Institut in die (zuvor als Taubstummenanstalt genutzte) Talstraße 38. Dieses Gebäude wurde im Krieg zerstört.

Kriegsbedingt legte Bjerknes 1917 die Leitung des Instituts nieder und folgte einem Ruf nach Bergen. Die Universität bedauerte; ihn "nicht mehr zu den Zierden unserer Landesuniversität zählen zu können". So erfuhren seine Leipziger Arbeiten ihre Krönung mit der Polarfronttheorie erst im heimatlichen Norwegen. Gleichwohl resümierte er 1938 zur 25-Jahr-Feier des Leipziger Instituts: "Wie unscheinbar von außen gesehen der Anteil Leipzigs an den Enderfolgen in Bergen scheinen kann, so ist dieser Anteil nicht bloß groß, sondern für den Erfolg unentbehrlich gewesen".


Die Arbeiten von Brandes und Bjerknes sind wichtige Bausteine
in der Entwicklung der Meteorologie.

Bjerknes nannte seinen ersten Mitarbeiter Robert Wenger (1886-1922) als einzig möglichen Nachfolger, wenn die Ausrichtung des Instituts weitergeführt werden soll. Leider starb Wenger sehr früh, so daß ihm nur wenige Jahre erfolgreicher Institutsleitung blieben.

Zu den frühen Mitarbeitern des Geophysikalischen Instituts gehörte Luise Lammert. Als sie auf der 13. Tagung der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft, die 1920 in Leipzig durchgeführt wurde, einen Vortrag hält, wies der damalige Vorsitzende der Gesellschaft ausdrücklich darauf hin, daß damit zum ersten Mal auf einer DMG-Tagung eine Dame vorgetragen habe.

1923 trat Ludwig Weickmann (1882-1961) das Direktorat des Geophysikalischen Instituts an und besetzte den Lehrstuhl. Die nun folgenden zwei Jahrzehnte werden oft als die Blütezeit des Instituts bezeichnet. In erster Linie trugen Weickmanns ungewöhnliches Talent für Wissenschaftsorganisation und seine herausragende Persönlichkeit als Hochschullehrer dazu bei. In der Öffentlichkeit wurde Weickmann durch die Teilnahme an aufsehenerregenden Forschungsreisen bekannt. Besonders ist die Polarfahrt des Luftschiffes LZ127 ("Graf Zeppelin") im Jahr 1931 zu nennen, bei der er die meteorologische Leitung innehatte. Diese Expedition mit einem umfangreichen Forschungsprogramm nimmt einen hervorragenden Platz im Rahmen der internationalen Arktisforschung ein.


Ludwig Weickmann

Route des "Graf Zeppelin"
während der Polarfahrt 1931

Das Geophysikalische Institut erhielt seinen unverwechselbaren Charakter durch das Geophysikalische Observatorium Collm. Erbaut unter schwierigsten wirtschaftlichen Bedingungen wurde es Oktober 1932 in Betrieb genommen. Mit der Erdbebenwarte und der erdmagnetischen Warte stand es zunächst vorrangig im Dienst der Physik der festen Erde.

Bei dem Bombenangriff auf Leipzig am 4.12.1943 wurde das Institutsgebäude in der Talstraße 38 zerstört. Im Juni 1945, kurz vor der Übernahme Leipzigs durch die Rote Armee, mußte Weickmann mit vielen anderen prominenten Wissenschaftlern in die amerikanische Besatzungszone gehen. Er erwarb sich dort große Verdienste beim Aufbau des Wetterdienstes in der Bundesrepublik.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Geophysikalische Institut in Leipzig von Walter Hesse (1915-1979) wieder arbeitsfähig gemacht und kommissarisch geleitet. Ab 1950 fand es sein Domizil in der Schillerstraße 6. Den folgenden Institutsdirektoren bzw. Lehrstuhlinhabern Max Robitzsch (1887-1952), Karl Schneider-Carius (1896-1959) und Horst Philipps (1905-1962) sind durch frühen Tod nur wenige Amtsjahre beschieden. Zuletzt wurde des Institut kommissarisch von Friedrich Kortüm (1912-1993) geführt.


Max Robitzsch

Karl Schneider-Carius

Horst Philipps

Im Frühjahr 1956 begann am Geophysikalischen Observatorium Collm die Erforschung der Hochatmosphäre. Neben der Seismologie wird dieser Zweig an dieser Forschungseinrichtung bis heute fortgeführt. Speziell widmete man sich der systematischen Untersuchung der Windsysteme in der oberen Mesopausenregion über Mitteleuropa.


Geophysikalisches Observatorium Collm Meßbrücke des Maritimen Observatoriums in Zingst

1957 rief Schneider-Carius das Maritime Observatorium in Zingst ins Leben. Er ging damit den letzten Schritt zur Verwirklichung der Gründungsidee des Geophysikalischen Instituts, Geophysik als Physik aller drei Erdsphären zu betreiben. Die Lage des kleinen Observatoriums zwischen Bodden und Ostsee legten folgende Forschungsschwerpunkte nahe: "Wechselwirkung Meer/Atmosphäre sowie dynamische Prozesse im ufernahen Meer" und "Darß-Zingster Boddenkette" (Leitung u.a. durch Peter Hupfer).

Mitte der 60er Jahre begründeten Hans Koch und Sigurd Schienbein am Leipziger Institut eine Arbeitsrichtung "Industriemeteorologie" , bei der meteorologische Kenntnisse in verschiedenen Industriezweigen (vor allem in der Textilindustrie) zur Erhöhung der Qualität der Produkte und zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen ausgenutzt wurden.


In den 50er und 60er Jahren war das Geophysikalische Institut
in der Schillerstraße 6 untergebracht

Im Zuge der 1968 beginnenden III. Hochschulreform wurden sämtliche geowissenschaftliche Institute der Leipziger Universität aufgelöst. Einige Wissenschaftler des Geophysikalischen Instituts gingen an die HU Berlin, der ab 1971 alleinigen Meteorologen-Ausbildungsstätte der DDR. Die übrigen Mitarbeiter und die Einrichtungen des Geophysikalischen Instituts wurden in den Fachbereich Geophysik der neuen Sektion Physik eingegliedert.

Während die Lehre nach 1971 fortan von der Nebenfachausbildung für Studenten der Physik und von Weiterbildungsveranstaltungen bestimmt war, beinhaltete die meteorologische Forschung atmosphärische Umweltprobeme und die Weiterführung der Forschungsarbeiten an den Observatorien Collm und Zingst. 1974 wurde auf der Spitze des Universitätshochhauses ein "Stadtobservatorium" eingerichtet, das für Untersuchungen zu Anomalien im Strahlungs- und Wärmehaushalt einer urbanen atmosphärischen Grenzschicht diente. Besondere Aufmerksamkeit wurde der Aerosolproblematik gewidmet.

Nach der Vereinigung Deutschlands erfolgte die Rückbesinnung auf alte Traditionen; es wurde wieder mit der Ausbildung von Diplom-Meteorologen begonnen. Bald wurden das Institut für Troposphärenforschung e.V. (1992) unter der Leitung von Jost Heintzenberg und das Institut für Meteorologie an der Universität Leipzig (Dezember 1993) unter der Leitung von Gerd Tetzlaff gegründet. Das neue Institut fand sein Domizil im erhalten gebliebenen Nebengebäude der Sternwarte (Anschrift Stephanstraße 3).


Das ehemalige "Turmhaus", ein Nebengebäude der im Krieg zerstörten Universitätssternwarte, ist das Domzil des Instituts für Meteorologie

Titelblatt der neuen Institutszeitschrift

Mehrere Arbeitsgruppen des Leipziger Instituts für Meteorologie bearbeiten aktuelle meteorologische und klimatologische Probleme, meist mit finanzieller Unterstützung der DFG, des BMBF oder anderer Drittmittelgeber.
Michael Börngen , Astrid Ziemann
 

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